Recht und Institutionenentwicklung

Sprecherin: Prof. Dr. Kirsten Scheiwe

Das Profil der Forschungseinheit Recht und Institutionenentwicklung

Die Verteilung der Aufgaben und Kompetenzen für die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern zwischen öffentlicher und privater Verantwortung unterliegt historischen Wandlungsprozessen und ist oft Gegenstand heftiger Kontroversen, weil dies die Beziehungen zwischen Staat, Familie und anderen Kräften (freie und öffentliche Träger, Kirchen u.a.) sowie zwischen den Geschlechtern und Generationen eingreift – durch die Regelung des Elternrechts, als staatliche Kompetenz für das Schulwesen, als Schulpflicht, als Verpflichtung der öffentlichen Träger zur Bereitstellung und Finanzierung von ausreichenden Angeboten von Kindertageseinrichtungen oder Tagespflege oder als Rechtsanspruch des Kindes auf Förderung und einen Platz. Der Föderalismus in der BRD und die Zuordnung der Gesetzgebungskompetenzen, Verwaltungs- und Finanzierungszuständigkeiten sind institutionelle Strukturen, die zu zahlreichen Problemen und Kontroversen bis vor das Bundesverfassungsgericht führen (Stichworte: finanzielle Überforderung der Kommunen, das ‚Konnexitätsprinzip’, Bund/Länder-Streitigkeiten über Kompetenzen im Bereich des Bildungswesens und der frühkindlichen Förderung, das kommunale Selbstverwaltungsrecht aus Art. 28 II GG u.a.). Weitere wichtige Bereiche neben der Untersuchung rechtlicher Rahmenbedingungen der frühkindlichen Förderung in Tageseinrichtungen und –pflege sind frühe Hilfen und Unterstützungsangebote des Kinder- und Jugendhilferechts im Zusammenwirken mit dem Familienrecht sowie staatliche Interventionen und Eingriffe in das Elternrecht und die Rolle der Familiengerichte.
Im Fokus stehen

  • Institutionen und rechtliche Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern zwischen privater und öffentlicher Verantwortung und
  • die Analyse des institutionellen Wandels sowie der
  • internationale Vergleich.

Methodisch und disziplinär erfolgt dies durch rechtswissenschaftliche Untersuchungen sowie durch rechtssoziologische und –historische Zugänge und interdisziplinäre Kooperationen (Recht im gesellschaftlichen Kontext); dies ist auch der Ansatz des funktionalen Rechtsvergleichs. Die Untersuchung des Institutionenwandels über einen längeren historischen Zeitraum (etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts) stützt sich vor allem auf Theorien des historischen Institutionalismus. Die Untersuchung von Pfadabhängigkeit oder –wechsel von Institutionen, von Wendepunkten (turning points) oder inkrementellen Anpassungsprozessen stehen deshalb im Mittelpunkt. Diese Aktivitäten finden in einem interdisziplinären europäischen Netzwerk statt. Eine weitere Aktivität ist wissenschaftliche Politikberatung (Beteiligung an Sachverständigenanhörung; Expertisen, Gutachten u.ä.).

Ein weiterer Schwerpunkt ist die historisch-institutionalistische Analyse der Entwicklung von Kindergarten und Vorschule im internationalen Vergleich Dazu haben 2006 und 2013 zwei internationale Forschungskonferenzen in Hildesheim stattgefunden (Path dependency and paradigm shifts – Institutional changes in early childhood education in comparison, gefördert von der Volkswagenstiftung, sowie Explaining long-term developments and institutional changes in early childhood education - the role of church-state-competition in comparison, gefördert von der DFG). Die Forschung war geleitet von folgenden Fragestellungen: Wie sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Entwicklungspfade von Kindergarten und Vorschulen zu erklären, und welche Pfadwechsel oder Paradigmenwechsel lassen sich in ausgewählten Ländern identifizieren? Wie hat sich die internationale Tendenz zur Konvergenz hin zu einem ‚pädagogischen Paradigma’ und der engeren Anbindung frühkindlicher Erziehung an das Bildungswesen über einen längeren historischen Zeitraum entwickelt? Wie sind frühe Entwicklungen in den Pionierländern Belgien und Frankreich und Verzögerungen in anderen Ländern während der ‚ersten Welle‘ der Kindergartenentwicklung zu erklären? Welche Kräfteverhältnisse und historischen Bedingungen waren einflussreich, welche Ausprägung hatten Konflikte zwischen religiösen und säkularen Kräften? Wie beeinflussen unterschiedliche institutionelle Konfigurationen der frühkindlichen Erziehung soziale Ungleichheiten beim Zugang von Kindern zu diesen Angeboten?

Die Forschungsergebnisse aus diesen Projekten wurden in zwei Herausgeberbänden in englischer Sprache 2009 und 2015 veröffentlicht.